„Mit Kopf- und Rückenschmerzen zum Zahnarzt“

Bilder (1)

  • Dr. Joachim Buck
  • Dr. Joachim Buck
    Dr. Joachim Buck

Interview mit Dr. Joachim Buck, Oldenburg:

„Mit Kopf- und Rückenschmerzen zum Zahnarzt“

Kiefergelenkdiagnostik offenbart Fehlstellungen im Bewegungsapparat

Viele Menschen leiden unter hartnäckigen chronischen Kopf- und Rückenschmerzen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, können aber in vielen Fällen vom Haus- oder Facharzt behandelt werden. Wenn jedoch immer wieder Schmerzattacken auftreten, kann die Ursache im Kausystem liegen.  Wir sprachen mit Dr. Joachim Buck, Zahnarzt aus Oldenburg, über ein neues System für die Kiefergelenkdiagnostik.

Gug-Gesundheit: Warum kann es denn sinnvoll sein, mit Kopf- oder Rückenschmerzen den Zahnarzt aufzusuchen? 
Dr. Buck: Ungefähr zwei Drittel aller Menschen haben Funktionsstörungen im Kausystem. Das heißt, ihre Bisslage entspricht nicht der optimalen Kieferstellung. Die ursprünglich richtige Stellung des Ober- und Unterkiefers zueinander und die Funktion der umgebenden Muskeln ist verloren gegangen. Oft toleriert der Organismus solche Funktionsveränderungen problemlos. Gehirn, Körper und Zähne stellen sich auf die veränderte Situation ein. Manchmal bereitet aber genau diese Veränderung Probleme: von Kopf bis Fuß und fernab der Ursachen können Schmerzen auftreten. Neben Kopf- und Rückenschmerzen gehören dazu so unterschiedliche Symptome wie Nackenverspannungen, Gesichtsschmerzen, Ohrenschmerzen, Ohrgeräusche oder Schwindel.

GuG-Gesundheit: Wie kommt es zu Funktionsstörungen im Kausystem? 
Dr. Buck: Um die Zusammenhänge zu verstehen, sollte man sich vor Augen führen, wie unser Kauapparat aufgebaut ist: Das Kauorgan ist ein sehr kompliziertes Organsystem, dessen Funktionen eng mit Kopf, Hals, Wirbelsäule, Gehirn, Bewegungsapparat und weiteren Organen verknüpft sind.  Ober- und Unterkiefer sind am Kiefergelenk zusammengeführt. Extrem starke Muskeln verbinden den Unterkiefer mit dem Kopf. Diese Muskeln können enormen Druck, wie auch ganz feine Bewegungen ausüben. Nerven reichen vom Gehirn bzw. Rückenmark zu jedem einzelnen, im Kiefer sitzenden Zahn und Muskel. Damit werden selbst winzigste Höhenunterschiede im Gebiss erfühlt. Die Ursachen für die Funktionsstörungen können in angeborenen anatomischen Abweichungen oder nicht optimal durchgeführten zahnärztlichen Maßnahmen liegen.

GuG-Gesundheit: Kann es noch weitere Gründe für die Funktionsstörung geben?
Dr. Buck: Auch eine falsche Körperhaltung z.B. durch einseitige Belastung am Arbeitsplatz, einseitige Ernährung, hormonelle Umstellungen und anderen Faktoren können zu einer veränderten Bisslage führen. Geradezu sprichwörtlich ist der Zusammenhang zwischen Kaumuskeln und Psyche: „man muss die Zähne zusammenbeißen“. Ein starker Knirscher arbeitet so an seinem Stress, aber leider bleibt dieser mechanische Druck der Kiefer nicht ohne Folgen für den Rest des Körpers, weil schon kleinste Veränderungen im Kausystem über den Kopf, Hals, Nackenbereich an den Bewegungsapparat weitergeleitet werden. Wenn die Position von Ober- und Unterkiefer nicht genau zueinander passt, ist eine der zentralen Funktionen des menschlichen Körpers betroffen. Man kann sich das vorstellen wie einen Turm aus Bauklötzen. Wird ein Klötzchen nicht exakt auf das andere gesetzt, gerät der ganze Turm ins Wanken.
So gesehen, passt sich der ganze Mensch seinem Biss an!

GuG-Gesundheit: Wie kann denn so eine Fehlstellung ermittelt werden, wenn sie sich über Jahre gefestigt hat? 
Dr. Buck: Es gibt inzwischen ein innovatives Diagnosesystem, das hervorragend dazu geeignet ist, die individuelle, physiologisch ausgerichtete Position der Kiefer zueinander festzulegen. Das IPR-System ermöglicht dem Zahnarzt die optimale Lage von Ober- und Unterkiefer zueinander zu bestimmen. Bisher ging man bei der Anpassung von Zahnersatz meist vom „Ist-Zustand“ der Bisslage aus. Im Falle einer bereits bestehenden Funktionsstörung wurde der Zustand damit quasi zementiert. Nun ist es möglich, den „Soll-Zustand“ genau zu diagnostizieren und danach die entsprechende Therapie zur Erreichung der optimalen Bisslage einzuleiten.

GuG-Gesundheit: Was passiert denn bei einer Messung?
Dr. Buck: Der Patient „malt“ mit dem Unterkiefer auf speziell angefertigten Schablonen und kann dies am PC verfolgen. Dadurch bekomme ich ein sehr präzises Bild der Bewegungen des Unterkiefers und kann, zusammen mit der gründlichen manuellen Untersuchung der Muskeln und Kiefergelenke die entsprechende Diagnose stellen. Das Verfahren ist übrigens völlig schmerzfrei. Wir wollen ja einen unverkrampften Patienten um eine genaue Messung durchführen zu können.
 
GuG-Gesundheit: Welche Vorteile hat das IPR-System aus Sicht des Patienten?
Dr. Buck: Das IPR-System kann bei bestehenden Beschwerden zeigen, worin die Ursache liegt. Es kann aber auch eingesetzt werden, damit es gar nicht erst zu Fehlstellungen kommt, beispielsweise bei der Herstellung von Zahnersatz.

GuG-Gesundheit: Was passiert, wenn durch die Messung eine Fehlstellung diagnostiziert wird?
Dr. Buck: Die Korrektur durch eine Schiene bringt oft schon eine erste Linderung. Später wird der Unterkiefer durch zahnärztliche Maßnahmen dauerhaft wieder in den Soll-Zustand zurückgeführt. Zusätzlich wird die Behandlung immer durch eine gründliche orthopädische Untersuchung und begleitende  Physiotherapie unterstützt. Es geht ja schließlich nicht nur um die Zähne, sondern um den ganzen Menschen. (AHB)