Immuntherapie nimmt zentrale Stellung ein

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Kampf gegen Allergien:

Immuntherapie nimmt zentrale Stellung ein

Therapieformen immer greifbarer

Etwa jeder vierte Bundesbürger leidet unter einer Allergie. Triefende Nase, leichtes Asthma, Hautreizungen, Empfindlichkeit gegenüber Pollen, Insektengift  oder Tierhaaren – die Auswirkungen sind sehr unterschiedlich. Doch die Hilfen für Betroffene werden immer besser,  die Therapieformen immer ausgereifter.

Beispiel: die spezifische Immuntherapie, kurz SIT oder Hyposensibilisierung genannt, bei der mittels Spritze, Tropfen oder Tabletten das Immunsystem lernen soll, nicht mehr auf bestimmte Allergene überzureagieren. Die Therapieerfolge der letzten Jahre schlagen sich auch in den medizinischen Leitlinien der zuständigen Fachgesellschaften nieder. So haben jetzt sämtliche deutschsprachigen Allergiegesellschaften gemeinsam mit österreichischen und schweizerischen Allergie-Experten fachliche Empfehlungen zur spezifischen Immuntherapie aktualisiert.

Bei einer  Allergie reagiert das Abwehrsystem überempfindlich auf bestimmte Substanzen – die Allergene –, die eigentlich für den Körper keine Gefahr darstellen. Doch der betroffene Organismus produziert Antikörper, um sich vor der vermeintlichen Gefahr zu schützen, was wiederum Entzündungsreaktionen auslöst, die zu allergischen Beschwerden führen mit Symptomen von allergischem Schnupfen, Bindehautentzündung bis zu allergischem Asthma.

Bei einer spezifischen Immuntherapie / Hyposensibilisierung wird dem Körper wiederholt die allergieauslösende Substanz in steigender Dosierung zugeführt, bis die überschießende Immunreaktion nicht mehr eintritt und das Abwehrsystem das Allergen toleriert. Die Antikörperproduktion wird reduziert oder gestoppt. So kann eine Hyposensibilisierung im Idealfall die Krankheitssymptome stark reduzieren oder ganz beseitigen.

Unter Forschern war lange umstritten, ob die Hyposensibilisierung tatsächlich einen Nutzen für den Patienten hat. Inzwischen konnte aber die Wirksamkeit nachgewiesen werden, und es liegen zahlreiche wissenschaftliche Studien vor, die belegen, dass die spezifische Immuntherapie gut wirkt und kaum Nebenwirkungen hat.

Üblicherweise läuft eine spezifischen Immuntherapie über drei Jahre, wobei der Arzt bei der klassischen Therapieform die Allergene in regelmäßigen Abständen unter die Haut spritzt. Das Immunsystem gewöhnt sich dadurch an den Allergieauslöser und wird wieder unempfindlicher. Die Erfolgsraten liegen sehr hoch, bei einer Gräserpollenallergie zum Beispiel bei über 80 Prozent.

Außerdem kann eine spezifische Immuntherapie das Risiko vermindern, neue Allergien zu entwickeln.

Für die klassische Allergenbehandlung mit Injektionen (medizinisch: SCIT) gibt es neue Erkenntnisse und wirksame Verfahren, so der Koordinator der neuen Leitlinie, Dr. Jörg Kleine-Tebbe vom Allergie- und Asthma-Zentrum Westend in Berlin: Allergischer Schnupfen und leichtes Asthma durch Pollen- und Hausstaubmilbenallergien können nach Ansicht der Experten damit langfristig kuriert werden, auch sommerliche Schimmelpilzallergien und Beschwerden durch Tierbestandteile lassen sich im Einzelfall mildern (allerdings sollte das verursachende Tier nicht mehr zu Hause gehalten werden).

Außerdem gebe es neue Regelungen und Leitlinien der europäischen Zulassungsbehörde (EMEA), die neue Maßstäbe für die Qualität der verwendeten und zunehmend besser werdenden Präparate setzten.

Wie Dr. Kleine-Tebbe erläutert, können die Allergen-Injektionen der spezifischen Immuntherapie – drei Jahre lang entweder einmal monatlich oder nur einige Spritzen vor der Pollensaison – bereits ab dem Schulalter gegeben werden, und nach oben gebe es heutzutage praktisch keine Altersbeschränkung mehr. Ferner sei es möglich, damit einem Bronchialasthma mit Entzündung der unteren Atemwege und zusätzlichen Allergien vorzubeugen.

Die Fachgesellschaften stellen in der neuen S2-Leitlinie weiter fest, dass die  Verabreichungsform der Allergene unter die Zunge (medizinisch: sublinguale SIT oder kurz SLIT) mittels Tropfen oder Tabletten besonders bei einer Gräserpollenallergie wirksam ist: Sowohl Symptome als auch der Verbrauch antiallergischer Medikamente nehmen nach einigen Monaten Behandlung deutlich ab, so Dr. Kleine-Tebbe.

Erste Daten zu einer anhaltenden Wirkung nach dem Ende einer dreijährigen Behandlung seien vielversprechend. Auch für Kinder mit Gräserpollenallergie seien seit kurzem bestimmte SLIT-Präparate zugelassen, die angewandt werden, wenn eine Spritzenbehandlung nicht infrage kommt. Abgesehen von häufigen, oft vorübergehenden Beschwerden in der Mundhöhle (Juckreiz, leichte Schwellungen) würden diese Präparate gut vertragen. Diese Hyposensibilisierungform sei zwar für Pollenallergiker geeignet, bei Hausstaubmilbenallergie oder der Diagnose „Asthma“ allerdings sei sie kein Ersatz für die Spritzen.

So nehme die Immuntherapie mit Allergenen mittlerweile eine zentrale Bedeutung für die Behandlung allergischer Erkrankungen ein, konstatiert die neue Leitlinie der Fachgesellschaften. Das allerdings sei noch zu wenig bekannt: „Wären die betroffenen Allergiker besser informiert, könnten viel mehr Patienten von einer Hyposensibilisierung profitieren“, ist sich Dr. Kleine-Tebbe sicher. (dgk)